Christliche Kultur Äthiopiens
Buch- und Maltradition
Maltradition
„Ein kunstfertiger Maler, der die Heilige Jungfrau liebte und besonders ihr Bild mit Sorgfalt malte, schmückte die Wand einer Kirche mit Bildern. Er malte das Bild Marias so schön, daß jeder, der es sah, erstaunt war und es aussah, als ob es sprechen wolle, und zur Seite des Marienbildes malte er das Paradies und wie man darin wohnt. Und während er die Gehenna und das Bild der Verwerfung des Teufels und seiner bösen Dämonen malte, ergrimmte der Satan über ihn, als er ihn sah. Der Teufel stürzte das Gerüst, auf dem er malte, und er wurde samt seinem Gerüst umgeworfen. Da rief er Maria um Hilfe. Sogleich kam eine Lichthand aus jenem Bilde hervor, streckte ihren Arm aus und faßte den Maler, der an der Hand des Bildes hing. Eine Stunde lang blieb der Maler an der Hand des Bildes hängen, indem er schrie. Die Leute kamen herbei und sahen das Wunder Marias. Nun ließ Maria den Maler nach und nach herabsinken, bis er heil unten ankam - zum Jubel der Zuschauer. Man nannte das Bild 'Bild der Rettung und des in die Höhehebens vor dem Sturz', die Hand des Bildes aber blieb zur Erinnerung an das Wunder ausgestreckt.“

Dieses Marienwunder gehört zu den äthiopischen „Ta'amre Maryam“, einer Sammlung von Marienlegenden. Diese Geschichte stammt ursprünglich aus Frankreich; sie wurde von Kreuzfahrern im 12. Jahrhundert nach Arabien gebracht und in der Zeit König Dawits I. (1380-1412) ins Ge'ez übertragen. So vermischten sich abendländische und morgenländische Überlieferungen. Die „Ta'amre Maryam“ werden noch heute täglich im Gottesdienst zitiert. Die Malerei und der fromme Maler haben einen festen Platz in der Kirche Äthiopiens. Wandmalerei in den Kirchen korrespondiert mit den Texten der Liturgie, kostbare Buchmalereien schmücken die handgeschriebenen Bücher der Kirche, Ikonen werden an hohen Festtagen zur Verehrung ausgestellt und in Prozessionen mitgetragen. Geschriebene und gemalte Amulette, die Schutzrollen, werden auch heute noch verwendet.

Die ältesten erhaltenen Zeugnisse gehen auf die Zeit um die Jahrtausendwende zurück. Sie weisen deutliche Verwandtschaft zur byzantinischen, syrischen, nubischen, koptischen und armenischen Kunst auf, zeigen jedoch einen eigenen äthiopischen Charakter. Ikonenmalerei oder Malerei auf Holztafeln gibt es erst nachweisbar seit dem 15. Jh. Man nimmt an, dass zu dieser Zeit einige Ikonen über Jerusalem nach Äthiopien kamen, das seit der Antike ein wichtiges Wallfahrtsziel für jüdische und christliche Pilger darstellte. Gleichzeitig kamen Handwerker aus Europa ins Land und brachten die Techniken der Tafelmalerei mit. Es fehlen Handbücher, wie man sie aus dem byzantinischen Raum kennt; die Tradition, auch die Werkstatttraditionen, werden in Äthiopien mündlich weitergegeben, vom Lehrer zum Schüler, von der älteren zur jüngeren Generation Die Malerei veränderte im Laufe der Zeit ihr Gesicht, sie nahm fremde Einflüsse auf, bewahrte jedoch immer typische äthiopische Eigenheiten.

Merkmale äthiopischer religiöser Malerei sind:
- klare Linien
- Beschränkung der Farben
- Bezug auf äthiopische Besonderheiten wie Physiognomie, Gestik, Leben

Die äthiopische religiöse Malerei unterliegt tradierten Darstellungsregeln und einer eigenen Farbsymbolik. Die Malmaterialien sind bisher nur ansatzweise mit naturwissenschaftlichen Methoden untersucht.

A. Marx u. F. Dworschak, März 2007

Maria und der Maler
Haräg - Buchmalerei
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