Christliche Kultur Äthiopiens
Feste
Tinsae - Auferstehung des Herrn

Leiden und Auferstehung Christi in Brauchtum und Kunst Äthiopiens

Wenn der Hahn am Morgen des Ostersonntag zum ersten Mal kräht, geht für die Christen in Äthiopien eine lange Fastenzeit zu Ende. Besonders in den Städten wird das Ende der Fastenzeit mit einem Kanonenschuss und Trommeln und Trompeten lautstark verkündet. Das erste Getränk nach der Fastenzeit ist mit Honig gesüßt, damit man bald wieder zu Kräften kommt. Doch bis es soweit ist, dürfen die Gläubigen 56 Tage lang kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier essen. Erlaubt ist nur eine Mahlzeit am Tage, die nachmittags eingenommen wird. Am Wochenende darf schon morgens mit dem Essen begonnen werden. Diese Zeit des Fastens wird von den Gläubigen besonders streng eingehalten, denn jeder, der das Fasten genau befolgt, darf zukünftige Sünden als bereits gesühnt betrachten.

Höhepunkt der äthiopischen Fastenzeit ist der Palmsonntag, der - wie bei uns - im Zeichen des Einzugs Jesu in Jerusalem steht. Die äthiopischen Christen schmücken ihre Köpfe mit Palmblättern. Die Palme spielt auch bei der Karfreitagsliturgie eine Rolle. Männer und Frauen werfen sich in den Kirchen Äthiopiens voll Andacht zu Boden, um Vergebung für ihre Sünden zu erflehen. Endgültig losgesprochen ist der äthiopische Christ jedoch erst nach dem Bekenntnis seiner Sünden beim Beichtvater. Der teilt ihm die Anzahl der zur Buße nötigen Kniebeugen mit, indem er ihm entsprechend oft mit einem Palmzweig auf die Schulter schlägt.

Alle Symbole, Bilder und Instrumente der Passion werden am Karfreitag in den Gotteshäusern zur Schau gestellt. Nach der äthiopischen Tradition wurde das Kreuz Christi über dem Grab des Stammvaters Adam errichtet. Aus zahlreichen künstlerischen Darstellungen wird deutlich, dass dem Blut Christi lebensspendende Wirkung zukommt. Meist steht ein Engel unter dem Kreuz oder der Stifter des Bildes, der das Blut auffängt. Rund 500 Menschen, so glaubt man, seien durch dieses Blut zum Leben auferweckt worden. Dazu gehören auch Adam und Eva, die Christus an der Hand nahm und zu neuem Leben führte.

Am Karfreitag tritt auch der Teufel ins Szenario der äthiopischen Liturgie. Man erinnert sich daran, wie Christus kurz vor seinem Tod den Teufel in Ketten gelegt hat und ins Fegefeuer hinabgestiegen ist, um alle Seelen von dort ins Paradies zu holen. „niseinbiho“ (wir danken dir) rufen die Gläubigen in der Kirche stellvertretend für die so Erlösten unter dem gleichmäßigen Schlagen einer Trommel.

Dann der Kreuzestod; nach dem Ruf des Priesters: „Es ist vollbracht“ breitet sich längeres Schweigen unter der knienden Gemeinde aus. Der Karfreitags-Gruß schallt durch das Gotteshaus: „Du bist mein Weg, meine Leiter, meine Freude“. Ein Christusbild wird symbolisch zu Grabe getragen.

Um fünf Uhr nachmittags schließt sich der Karfreitagsfeier ein weiterer Gottesdienst an, eine Totenmesse für den Verräter Judas, der sich, so die Überlieferung, nach seiner Tat erhängte. Dumpfe Trommelschläge begleiten diese Feier.
Die äthiopische Malerei hat jede Menge drastischer Darstellungen der Ereignisse in der Heiligen Woche parat: Den gefesselten Teufel (traditionell schwarz gemalt), die Grablegung eines Jesus, der wie eine Mumie verschnürt ist, das letzte Abendmahl, die Fußwaschung. Die äthiopischen Kreuze zeigen anstelle eins Korpus zahlreiche Symbole, die auf das Leiden Christi hinweisen: Fünf kleine Kreise stehen für die Wunden Christi, Flechtbandmuster und verschlungene Linien deuten auf die Geißelung hin.
Am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag wird als Symbol der Trauer über Jesu Tod nur gekochtes Getreide gegessen und kein gebackenes Brot. Dieser Brauch gilt in Äthiopien für jeden Todesfall, ein Zeichen, wie stark die Landessitten sich mit der kirchlichen Tradition vermischen.
&Tasfa‘ ein Weizenbrot, das von alten Frauen und Nonnen in der Osternacht gebacken und vom Priester gesegnet wird, gibt es erst am Ende der Osternachtfeier bei geschlossenen und bewachten Kirchentüren. Wenn sich die Gläubigen auf den Heimweg von der Kirche am frühen Ostermorgen begegnen, begrüßen sie sich mit den Worten: „Er hat uns vom Fasten befreit“.

Ostern ohne Ostereier

Ostersonntag ist in Äthiopien das Fest der Feste. Der Gottesdienst wird mit viel Weihrauch und unzähligen Kerzen gefeiert. Geschenke werden ausgetauscht; die Kinder und Schwiegersöhne der Familie sind verpflichtet, den Eltern an Ostern lebende Lämmer zu schenken. Die Tiere werden in den Wochen nach Ostern geschlachtet. Während der zwei auf Ostern folgenden Monate gelten keine Fastenvorschriften. Aus diesem Grund finden in dieser Zeit, in der auch das Mittwochs- und Freitagsfasten entfällt, häufig Hochzeiten statt. Diese beiden Wochentage gelten in der übrigen Zeit des Jahres als Fasttage, da das Gerichtsurteil über Jesus an einem Mittwoch gefällt und an einem Freitag vollstreckt worden ist.
Kinder bringen an Ostern frisch geschnittenes Gras in die Häuser, das auf dem Boden verstreut wird und so die Wohnung frisch machen und mit Leben erfüllen soll.

Jede Gemeinde ist verpflichtet dafür zu sorgen, dass am Ostersonntag jeder, auch Bettler, Fleisch essen kann. Unter Freunden werden an Ostern Briefe und Segenswünsche ausgetauscht. Ostereier, wie sie auch die byzantinische Kirche kennt, sind in Äthiopien nicht gebräuchlich.

A. Marx u. F. Dworschak im März 2007

Einzug in Jerusalem
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