Christliche Kultur Äthiopiens
Buch- und Maltradition
Die Tinten

Die zum Schreiben der Handschriften benötigten Tinten werden noch heute nach gut gehüteten Rezepturen in den Farben Schwarz (für den Text) und Rot (für die Namen Gottes und der Heiligen) hergestellt. Die äthiopischen Tinten sind von sehr guter Qualität und zeigen auch nach Jahrhunderten noch eine tiefschwarze Farbe, den Einwirkung der Zeit und des Klimas zum Trotz.
Die Herstellung von Tinten erfordert viel Zeit. Die meisten Tintenrezepte sind eine Kombination aus Pflanzenschwarz und Schwarz aus Ruß, vermischt mit etwas Harz oder Gummi, auch eine Art von itan, (Weihrauch, meistens Boswellia papyrifera).

Die Konsistenz der Tinte muss so sein, dass die Seiten nach dem Beschreiben auch bei feuchtem Wetter nicht zusammenkleben, was eine gewisse Erfahrung voraussetzt. Manche Tintenrezepte enthalten eine Art von Insektizid, um die Fliegen abzuhalten, welche die Kalligraphen stören und die frisch geschriebenen Seiten verderben.
Eine Tinte guter Qualität ist absolut lichtecht, von einem leuchtenden Tiefschwarz und weist keinerlei Risse oder Sprünge auf. Vor Gebrauch wird ein kleines Stück der trockenen Tintenmasse etwa 2-3 Tage mit etwas Wasser angelöst und die flüssige Tinte in einem Tintenhorn (qäläm kend) aufbewahrt. Rote Tinte ist noch schwieriger herzustellen, entsprechend kostbar und wird teuer bezahlt.

Ein Rezept von Taye Wolde Medhin für schwarze Tinte:

„Die Blätter von kettketta (Dodonea viscosa), gän-täffa (Pterolobium stellatum) und wäyra (Olea chrysophyla) werden an der Sonne getrocknet, so daß diese Mischung dann im Mörser zu Staub zerrieben werden kann. Dazu gibt man Ruß von der Unterseite eines Topfes und Akaziengummi (yä-grar mucha). Man macht eine Probe mit dieser Farbe und verbessert sie, wenn nötig, indem man noch etwas Ruß oder Harz in den Mörser gibt. Das Pigment wird an einem heißen Ort eine Woche lang aufbewahrt, damit sich seine Qualitäten entfalten können (endiboka). Falls die Farbe einen weißlichen Schimmer hat, der schädlich sein könnte, gibt man nochmals Ruß und Gummi zu. Das Pigment wird dann mit Butter gemischt und in einem großen Topf zum Kochen gebracht, eine knappe Stunde lang. Dann lässt man die Mischung wieder eine Woche ruhen. Falls der Farbton nicht zufrieden stellend ist, fügt man wieder Russ und Gummi hinzu, kocht nochmals auf und lässt das Ganze wieder ruhen. Der Farbstoff hat dann einen leuchtenden, brillanten Ton und ist fest genug, um als gallertartiger Kuchen aufbewahrt zu werden. Es genügt, den Farbstoff einige Stunden vor Arbeitsbeginn in Wasser aufzulösen, wenn man ihn gebrauchen will. Die Farbe kann intensiviert werden, indem man den Kuchen brennt und dann aufs Neue zerreibt.“

A. Marx u. F. Dworschak im März 2007
Rote und schwarze Tinte
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